Das verdächtige Saxophon – 27.01.2014

Seit 2005 findet in Idar-Oberstein, anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, jeweils am 27.Januar, eine Gedenkveranstaltung statt. Begleitet wird diese Veranstaltung von wechselnden Ausstellung.

 2014 wird die Ausstellung: Das verdächtige Saxophon.“Entartete Musik“ im NS-Staat, gezeigt.

Karten ab 2.Januar 2014 bei allen bekannten VVK –Stellen in Idar-Oberstein und Birkenfeld und per Mail dieter@bluenoteio.de

Eine abschreckende Schau sollte die Ausstellung „Entartete Musik“ sein, so wollte es der Hitler-Verehrer Hans Severus Ziegler. Der NSDAP-Funktionär und damalige Intendant am Staatstheater in Weimar hatte die Ausstellung organisiert. In seiner Eröffnungsrede sagte er: „Was in der Ausstellung zusammengetragen ist, stellt das Abbild eines wahren Hexensabbat dar und ein Abbild arroganter jüdischer Frechheit und völliger geistiger Vertrottelung.“ Schon die Titelseite der Begleitbroschüre zeigte den Besuchern deutlich, worum es Ziegler ging. Eine perfide Karikatur zeigte „Jonny“, einen schwarzen Jazzmusiker mit dem „Neger-Instrument“ Saxophon, damals einerseits bekannt als Titelfigur in Ernst Kreneks Oper „Jonny spielt auf“.

Andererseits populär durch Friedrich Hollaenders Chanson „Jonny, wenn du Geburtstag hast“, berühmt geworden durch Marlene Dietrichs prickelnd-erotische Interpretation. Jonny wurde nun bei Ziegler als zum Affen mutierter „Neger“, mit Judenstern statt Nelke im Knopfloch, zum Aushängeschild der NS-Propaganda und zum Inbegriff für „Entartete Musik“.

Schon 1930 hatte Ziegler gegen den Jazz gewettert: er verhelfe der „Negerkultur zum Sieg“. Kreneks Jazz-Oper „Jonny spielt auf“, 1927 in Leipzig mit großem Erfolg uraufgeführt und seitdem an vielen deutschen Theatern inszeniert, war für ihn „verjudete Niggermusik“. In der Ausstellungsbroschüre schrieb er: „Ein Volk, das dem ‚Jonny‘, der ihm schon zu lange aufspielte, nahezu hysterisch zujubelt, ist seelisch und geistig krank geworden und innerlich wirr und unsauber“. Dementsprechend drastisch gestaltete er die Propaganda-Schau.

Einst gefeierte – aber jüdische – Operettenkomponisten wie Emmerich Kálmán, Leo Fall, Paul Abraham oder Leon Jessel, oder auch Starsänger wie Richard Tauber wurden auf Bildtafeln mit verzerrten Gesichtern als „geistig krank“ dargestellt. In Ton-Kabinen konnte man die „zersetzenden Kräfte“ der Swing- und Jazzmusik mit eigenen Ohren hören. Und Schautafeln polemisierten gegen Arnold Schönberg und seine Schüler, die mit ihrer atonalen Musik die „klassischen Meisterwerke verhöhnt und geheiligte Traditionen missachtet“ hätten. Oder gegen Paul Hindemith, der – wie Schönberg – als „Theoretiker der Atonalität“ beschimpft wurde.

Bis zum 14. Juni 1938 war die Schau in Düsseldorf zu sehen, danach noch in Weimar, München und Wien. Der Ausbruch des Krieges 1939 verhinderte weitere Ausstellungsstationen.

Während die Nazi-Ausstellung „Entartete Kunst“ nach 1945 mehrfach rekonstruiert und gezeigt wurde, ist die „Entartete Musik“ für lange Zeit in Vergessenheit geraten.

Erst 50 Jahre später, 1988, gelang dem Musikwissenschaftler Albrecht Dümling eine kommentierte Rekonstruktion der NS-Schau. Seitdem war die Dokumentation zu Gast in mehr als 50 Städten und in vielen Ländern  wie Österreich, Israel, England, Spanien, den Niederlanden, der Schweiz  und unter dem Titel „Banned by the Nazis” auch in den USA.

Neue Forschungsergebnisse zur NS-Musikpolitik und besonders zu den Aspekten Jazz und Operette erlaubten Dümling 2007 eine Erweiterung der Rekonstruktion: Unter dem Titel „Das verdächtige Saxophon. ‚Entartete Musik‘ im NS-Staat“ sind seitdem in der Wanderausstellung rund 80 Exponate zu sehen und viele originale Tonbeispiele zu hören – eine beklemmende Dokumentation, die nicht nur zeigt, wie Musik von den Nazis benutzt und Musiker diffamiert wurden. Die kommentierte Rekonstruktion ist zugleich auch ein eindringlicher Appell an die Besucher, wachsam zu bleiben, damit Worte wie „entartet“ und „undeutsch“ für immer der Vergangenheit angehören.

Diese bedeutende Ausstellung wird vier Wochen im Kreis Birkenfeld zu sehen sein: vom 27.Januar – 6.Februar 2014 in der Göttenbach-Aula in Idar-Oberstein und vom 10.Februar bis 21.Februar am Umweltcampus Birkenfeld (Neubrücke)

Die Veranstalter: Stadt Idar-Oberstein und Schalom e.V., Kreis Birkenfeld, Umweltcampus Birkenfeld, Blue Note e.V.

Am 27.1.2014 um 19 Uhr in der Göttenbach-Aula findet die Gedenkveranstaltung und die Ausstellungseröffnung statt und am 10.Februar 2014 um 19 Uhr 30 wird die Ausstellung am Umweltcampus eröffnet.

Im Rahmenprogramm finden zwei zusätzliche Konzertveranstaltungen statt:

Am Sonntag, 2.Februar 2014 um 17 Uhr spielt die Golden Swing Bigband im Stadttheater und am 16.Februar 2014 ebenfalls um 17 Uhr ist Blechblasformation Brass 4.1 in der Kommunikationshalle auf dem Umweltcampus zu Gast.

In beiden Konzerten wird ein inhaltlicher Bezug zu der gezeigten Ausstellung hergestellt.

Karten ab 2.Januar 2014 bei allen bekannten VVK –Stellen in Idar-Oberstein und Birkenfeld.

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Veröffentlicht 13. Oktober 2013 von Jan